Essen will gelernt sein

Mit dem Beikoststart beginnt das Abstillen. Deswegen habe ich es bei beiden Kindern für absolut absurd gehalten im vierten Lebensmonat damit zu beginnen. Dieses kleine Menschlein, das mit voller Liebe an meiner Brust trinkt und erst seit so kurzer Zeit bei uns ist, soll sich jetzt schon die Brust abgewöhnen? Neeeein, mein kleines Baby, mein Säugling!!

Bei beiden Kindern hab ich aber auch nicht meine und ihre Neugierde bis zum sechsten Monat in Schach halten können, jetzt endlich mal an etwas Essbarem herum zu lutschen. In einer Phase in der ein Kind die Welt mit den Händen und dem Mund entdeckt, kommt es mir natürlich vor, dass es sich etwas vom Tisch schnappt und probiert. Dabei achte ich natürlich darauf, dass es etwas geeignetes für ein Baby ist. Also möglichst natürlich wie gewachsen und vor Allem ohne Salz und ohne Zucker*.

Also darf Mila seit knapp zwei Wochen, mit gut fünfeinhalb Monaten, bei uns am Tisch mit essen und ist total begeistert. Schon länger sitzt sie während wir essen, neugierig bei Hans oder mir auf dem Schoß. Sie will teilhaben und sehen was wir machen. Aber mit Spielzeug, dass wir ihr auch schon zum Greifen üben auf die Tischplatte gelegt haben, begnügt sie sich nun nicht mehr und graptscht stattdessen nach unseren Tellern und dem Besteck. Ihren Beikoststart eröffnete sie dann selbstständig indem sie blitzschnell nach der Schale einer Banane griff, die ich Miko schälte, während sie auf meinem Schoß saß, und sie sich in den Mund steckte. Also habe ich ihr zunächst einfach ein Stück Banane  auf den Tisch gelegt. Das glipschige Ding, schien zwar lecker, war aber nicht zu bändigen und mehr Sauerei als Esserfahrung. Eine Apfelspalte hingegen konnte sie sich prompt greifen und eifrig daran lutschen. Danach gab es immer mal Gurke, einmal Paprika und Birne. Roh, einfach zum Konsistenz und Geschmack kennenlernen. Ich stille ja ganz normal weiter und weiß, dass sie gut versorgt ist. Sie zerkleinert das Essen mit Händen und Kiefer, „kaut“ neugierig darauf herum, spuckt es aus, manchmal muss sie auch etwas würgen (ein Schutzmechanismus der offenbar gut funktioniert) aber sie schluckt  auch schon etwas runter (deutlich in der Windel erkennbar). Inzwischen gab es auch schon Babypommes (ungewürzte selbstgemachte Pommes, bisher ohne Öl, beim nächsten Mal träufel ich vielleicht etwas drauf, aber wie gesagt sie wird noch so viel gestillt, dass sie alles kriegt was sie braucht), gedünstete Möhre und ein Babyfrikko (Pures Biorinderhack zu einer länglichen Frikadelle geformt und im Ofen gegart). Alles nimmt sie gespannt in die Hand und den Mund. Nagt und kaut und erzählt zufrieden mit uns am Tisch.

Mal sehen ob ich irgendwann doch wieder auf Brei umsteige, weil ich zu ungeduldig werde wie bei Miko. Er hat sich seine Probierfreude dann leider abgewöhnt. Ich fand zunächst die Sauerei beim Breifüttern war nicht ganz so groß und dadurch, das Füttern unterwegs praktischer. Aber Miko hatte sehr mit der Verdauung zu tun. Er hatte so starke Verstopfung, dass er beim Stuhlgang geweint hat und teilweise so feste gedrückt hat, dass er brechen musste. Man, war das schrecklich! Und ich befürchte, dass das auch etwas mit dem Brei füttern zu tun hatte. Dass ich die Umstellung von ein paar Löffeln, hin zum Ersetzen einer ganzen Stillmahlzeit nicht kleinschrittig genug gemacht habe. Er hat sich super füttern lassen, hatte Appetit auf der einen Seite. Und auf der anderen, sah ich meine Unabhängigkeit immer näher kommen. Mein paradoxer Zwiespalt zwischen meiner geliebten Stillbeziehung zu meinem Kind (Miko hat sehr gerne sehr oft getrunken, teilweise jede Stunde) und dem Wunsch nach körperlicher Unabhängigkeit von meinem Kind. Dadurch habe ich ihn vielleicht dann doch über seine natürliche Grenze hinweg gefüttert. Ich habe zum Beispiel den Gemüse-Getreide-Brei im Wechsel mit dem Obstbrei angeboten, der eigentlich als verdauungsfördender Nachtisch gedacht war. So hatte er immer einen leckeren Löffel mit Obstbrei und dann wieder den offenbar nicht so leckeren herzhaften Brei im Mund. Das war irgendwie so ein austricksen. Aber er hat den Mund aufgemacht und hinuntergeschluckt! War er satt, also hat er sich komplett verweigert habe ich nicht weiter gefüttert. Und erst recht habe ich ihn nicht durch Spielchen oder Filmchen abgelenkt. Das sieht man ja leider viel zu oft. Auch hat er sehr früh zumindest teilweise selbstständig mit dem Löffel gegessen.  Das war dann wiederum keineswegs weniger Sauerei als beim Fingerfood.

Bei der Fingerfood Methode (auch BLW; Baby led weaning) entscheidet, das Baby selbst was und wieviel es isst. Beziehungsweise seine Fähigkeiten entscheiden und dadurch erwarte ich, dass sich bei Mila, wenn ich nicht zu Brei greife, auch die Verdauung ganz entspannt anpassen kann. Vielleicht werde ich ihr Brei geben wenn wir unterwegs sind, falls sie ihn dann überhaupt isst. Vielleicht stille ich sie aber auch erstmal weiterin wenn wir unterwegs sind und sie isst nur zu Hause mit am Tisch. Und wenn sie dann geschickter geworden ist, kann sie auch unterwegs essen. Erfahrungsgemäß ist das eh nicht planbar. Ein paar Mütter habe ich kennengelernt, die haben unfreiwillig den Weg der BLW-Methode eingeschlagen, weil ihre Kinder einfach keinen Brei wollten.

Miko ist zwar nicht besonders probierfreudig und ein ausgesprochener Gemüsemuffel, aber er isst gerne, beinahe selbstständig und ist so auf das Essen konzentriert, dass er aufhört wenn er satt ist. Auch bei Schokokuchen den es zu seinem zweiten Gdeburtstag gab. Da bin ich stolz und froh. Ein Teller muss niemals leer gegessen werden! Außer man verlangt schon nach „Meeeeehr, meehr haben!! Miko mehr haben gerneee! Bitte!“, dann muss der Teller erst leer gegessen werden, bevor es Nachschlag gibt.

Wie immer, finde ich auch beim Beikoststart muss man ganz auf sein Herz hören und dem Bauchgefühl folgen. Dabei – und das muss ich mir jetzt bei Mila ganz deutlich machen – gilt nicht nur das eigene Bauchgefühl, sondern vor Allem das des entdeckenden Essers.

Beim Beikoststart begleitete und begleitet mich jetzt wieder das Buch „Einmal Breifrei, bitte!“ von Lortetta Stern und Eva Nagy. Wieso ich dir dieses Buch ans Herz legen möchte, schildere ich in meiner Herzohr-Kategorie Leben.


*Damit meine ich den Haushaltszucker, Sacchrose. Natürlich enthaltene Zucker wie Glucose und Frucctose in Obst oder Kohlenhydrate wie Stäre in Kartoffeln sind wichtige Bestandteile der menschlichen Ernährung und daher nicht tabu.

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3 Kommentare zu „Essen will gelernt sein

  1. Toller & ausführlicher Artikel. Ich stimme Dir zu, dass es eine sehr große Herausforderung ist, Abstillen & Beikosteinführung so ineinander übergehen zu lassen, dass sowohl Mutter als auch Baby eine glückliche & zufriedenstellende Entwicklung nehmen. LG, Richard (vom vatersohn.blog).

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