Unsere Traumgeburt im Geburtshaus Düsseldorf

Als Laura* früh morgens unser Schlafzimmer betrat, kamen mir die Tränen.

Vor Erleichterung, Vorfreude, Aufregung, Glück.

Wir hatten unsere Hebamme in der zwanzigsten Schwangerschaftswoche kennengelernt. Von da an haben wir uns während der regelmäßigen Treffen im Geburtshaus und bei uns zu Hause zur Vorsorge, dem Aufklärungsgespräch und der geburtsvorbereitenden Akupunktur immer besser kennen gelernt. So breitete sich in Ihrer Gegenwart ein angenehmes, vertrautes Gefühl in mir aus, dass ich immer mehr mit der Ankunft unseres zweiten Babys verband.

Unseren Sohn hatte ich mit vereinten Kräften in der Klinik zur Welt gebracht. Nach Überschreitung des errechneten Termins hatten wir uns damals zu einer Geburtseinleitung raten lassen, die die Kaskade diverser Eingriffe, von PDA über kristellern zu Saugglockengeburt als häufige Folge der künstlichen Wehen mit sich brachte1. Für mich war die Geburt damals dennoch wunderbar und ich war heilfroh, dass unser gesunder Sohn nicht per Kaiserschnitt zur Welt kam.

Diesmal wünschte ich mir aber natürliche Wehen und eine ganz natürliche Geburt. Am Infoabend des Geburtshauses wurden auch bei meinem Mann, die letzten Zweifel der Sicherheit beseitigt. Das wichtigste Argument für uns – neben der Tatsache, dass der Termin entspannt bis zu 14 Tage überschritten werden darf – war und ist die Tatsache der Eins-zu-Eins-Betreuung. Die Erfahrung alleine ohne Geburtshelfer in den Presswehen zu liegen und nicht zu wissen ob alles richtig läuft, wollten wir nicht wieder erleben.

Als Laura sich also an diesem Morgen zu mir in unser Ehebett setzte, wusste ich alles ist gut und wird gut und wunderbar. Endlich war der Moment gekommen. Der Moment auf den ich in meiner ersten Schwangerschaft vergeblich gewartet hatte.

Drei Stunden zuvor war ich sanft von langsam stärker werdenden Wehen geweckt worden. Hatte mir in Ruhe eine Dusche und Zeit für mich, meine Wehen und das ungeborene Baby gegönnt. Nachdem ich meine Mutter telefonisch geweckt hatte, damit sie sich auf den Weg zu uns machte um den werdenden großen Bruder zu betreuen, weckte ich meinen Mann. Er reagierte mit „Wie schön!“ und schien wie ich freudig aufgeregt zu sein. Da der Große selig weiter schlief, konnten wir noch etwas Zeit zu Zweit, mit meinen Wehen und unserem Baby, dessen Geburt immer näher rückte, genießen. Als ich Laura dann rund eine Stunde später anrief war ich immer noch der Meinung, die Wehen seien unregelmäßig stark in unregelmäßigen Abständen. Sie sagte mir ich solle einfach gucken wie ich mich fühle, sie wieder anrufen oder ins Geburtshaus kommen, sie sei eh den ganzen Tag da.

Unser Sohnemann kletterte inzwischen brabbelnd auf mir herum, während sein Vater das Frühstück zubereitete. Ich musste mich inzwischen doch schon ziemlich konzentrieren und atmen, während der Wehen, so dass Hans unsere Hebamme, rund fünf Minuten nach dem ersten Telefonat wieder anrief: „Die Wehen kommen wohl schon regelmäßig. Alle drei bis vier Minuten. Und Claudia kann dann auch nicht mehr wirklich reden. Du solltest vielleicht dann doch jetzt schon kommen.“

Während die Männer frühstückten versuchte ich es mit einem Bad. Das soll ja Wunder wirken. Wie gut das warme Wasser tat hatte ich bereits bei der Dusche gemerkt. Aber abgesehen davon, dass ich kein funktionierendes Feuerzeug fand um eine entspannte Atmosphäre mit Kerzen im Badezimmer zu erzeugen, konnte ich unter den blendenden Halogenstrahlern in der engen Badewanne einfach keine gemütliche Position finden und erst recht keine halbwegs erträgliche unter den Wehen. Ich lag also mit schon sehr intensiven Wehen, laut tönend in unserem Bett als Laura rund eine Stunde später eintraf.

Ziemlich zeitgleich kam auch meine Mutter an. Wieder liefen mir die Tränen. Erleichterung. Jetzt brauchte ich mich auch nicht mehr um Miko zu sorgen und Hans konnte sich nun endlich ganz auf mich und die Geburt konzentrieren.

Mit ihrer entspannten, lieben Art setzte sich meine liebe Hebamme zu mir ins Bett, strich mir über den Rücken und fragte „Na?“. Ich glaube sie beobachtete mich ein bisschen, vielleicht stellte sie mir auch Fragen wie es sich anfühle, wo es wehtue. Die Stimmung änderte sich, als Laura feststellte, dass sich mein Muttermund schon sechs Zentimeter eröffnet hatte. Ich war sehr erleichtert, dass sich schon etwas getan hatte und die vergangen Stunden nicht erst der Anfang gewesen waren. Die Eröffnungsphase war also in vollem Gange und es wurde jetzt langsam ernst. „Wir fahren dann mal zügig ins Geburtshaus!“ hieß es.

Mit Wehen ist man irgendwie so außen vor obwohl man ja eigentlich mittendrin ist, finde ich. Wenn die Wehe anrollt lenkt sie die Konzentration auf sich, zum Höhepunkt der Welle hin, saugt sie die gesamte Aufmerksamkeit in sich ein und lässt sie nach braucht man den Moment zum verschnaufen. Dennoch bekam ich alles mit, sah mich aber nicht in der Lage zu reagieren. Nur die immer kürzer werdende Zeit zwischen den Wehen gab es um zu sprechen. Wahrscheinlich die Erklärung, dafür wieso ich inzwischen nur noch in Ein- bis maximal Zweiwortsätzen und -befehlen sprach. So schafften wir es trotz starker Wehen in kurzen Abständen sämtliche Utensilien die ich für den großen Tag zurechtgelegt hatte zusammen zu packen, mich in die auserkorene Kleidung zu hüllen und auf dem direktesten Weg zum Geburtshaus zu fahren.

Zügig“ sollten wir zum Geburtshaus fahren. Das war Lauras Hinweis gewesen als ich sie fragte ob ich für den Weg noch irgendetwas wissen müsste. Claudia brauchte im Treppenhaus zwar nicht gestützt werden, „zügig“ kam sie in meinen Augen aber nicht voran. Als ich schon die Haustüre aufhielt, klammerte sie sich noch ans Treppengeländer um, möglichst ohne die Nachbarn zu wecken, eine Wehe zu verarbeiten. Leise war sie dabei aber nicht. Als sie dann die Haustüre erreicht hatte, ging ich rasch vor um die Tasche ins Auto zu stellen und die Beifahrertür zu öffnen. Es war einfach perfekt, dass ich am Tag zuvor den Parkplatz neben dem Baum vor unserer Haustüre bekommen hatte. Allerdings war der Wagen voller Vogeldreck in den ich prompt fasste. ‚Ist das Zeug nicht irgendwie infektiös?‘ dachte ich und nahm mir vor bei Ankunft als erstes meine Hände zu waschen. Auf Claudias Zuruf hin – sie brauchte für diese kurze Strecke einfach ewig – stellte ich den Sitz so hoch es ging, um ihr das ein- und aussteigen zu erleichtern. Breitbeinig, den riesigen Bauch haltend, näherte sie sich mir lächelnd und kichernd. Sagte irgendetwas über ihre Kleidung. Zwar wollte sie vor Abfahrt unbedingt, dieses Shirt anziehen, das sie auch schon zu Mikos Geburt trug, war aber scheinbar jetzt doch nicht zu Frieden. Sie machte sich tatsächlich Gedanken über ihr Outfit! Dass wir zügig ins Geburtshaus fahren sollten, schien in meiner alleinigen Verantwortung zu liegen. Umständlich stieg sie ein, während ich darauf achtete, dass sie nicht in den Vogeldreck fasste. Als ich losfuhr beschwerte sie sich, dass die Beschleunigung unangenehm sei. Als ich bremste beschwerte sie sich auch darüber. Dennoch erschien sie mir gut gelaunt. Der Berufsverkehr war in vollem Gange, aber wir kamen gut durch und ich lies es mir nicht nehmen mit meinem Handy ein kurzes Video zu machen, wie Claudia eine Wehe vertönt. Eine kleine Erinnerung an einen erfreulichen Ausnahmezustand. Ein Filmchen über das wir immer wieder lachen müssen. Ein paar Autos voraus sah ich Laura und folgte ihr so zügig ich konnte. Als wir nach sieben Minuten Fahrzeit vorfuhren, holte Laura gerade unsere andere Tasche – was hatte Claudia eigentlich alles eingepackt? – aus ihrem Kofferraum. Claudia schaffte den Weg in den Geburtsraum allein, so dass ich schnell zum glücklicherweise nahegelegenen freien Parkplatz fahren konnte. Diesen Moment nutzte ich um noch einmal tief durchzuatmen bevor ich auch das Geburtshaus betrat. „Jetzt wird’s ernst.“

Als ich eintraf, Laura hatte schon aufgeschlossen, Hans parkte noch den Wagen, räumte die Putzfrau schnell das Feld. Endlich war der Moment da. Ich war unglaublich gut gelaunt. Abgesehen von den Wehen, die echt fies wahren, ging es mir richtig gut. Ich musste nur immer rechtzeitig vor der Wehe einen guten Ort, eine gute Position finden um die Wehe zu überstehen. Ich schenkte mir ein Glas Wasser ein, dass auf dem Tisch stand. Ich kannte mich aus. Kannte den Raum. Ich machte die Terrassentür auf, ich schaute in den Innenhof, atmete die frische Luft ein und stellte mir vor wie hinter den ganzen Fenstern Menschen, Familien Ihren Tag begannen und vielleicht sogar von mir, meinem Tönen und Stöhnen, geweckt wurden. Mich amüsierte der Gedanke, schließlich waren sie es als Nachbarn des Geburtshauses sicher gewöhnt, der Gedanke hemmte mich in keinster Weise. Die erste Wehe im Geburtshaus verbrachte ich also an den Türrahmen der Terrassentür geklammert.

Ab diesen Moment verschwimmen meine Erinnerungen, welches Ereignis zu welchem Zeitpunkt stattfand, kann ich nicht mehr sagen.

Hans‘ Hauptaufgabe, neben der seelischen Unterstützung, die er schon bei Mikos Geburt gewissenhaft ausgeführt hatte, war, dafür zu sorgen, dass ich genug trank. Nun, bei dieser Geburt blieb ihm nicht viel Zeit dafür. Als er kurz nach mir den Raum betrat fragte er Laura also ob das Glas Wasser auf dem Tisch schon für mich sei. Ob er mir es irgendwann einmal reichte weiß ich nicht mehr. Mein Körper übernahm die Kontrolle. Laura wuselte herum, besorgte heißes Wasser, ließ Badewasser ein, machte Kerzen an, legte eine Gymnastik Matte aus. Hans versuchte mich zu stützen wenn ich eine Wehe im Stand veratmen wollte, das fühlte sich leider nicht gut an. Als ich von der Toilette kam, schliff ich meine Jogginghose an einem Knöchel hinter mir her. Anziehen hielt ich für überflüssig, sie ganz auszuziehen schien mir unmöglich. Mit gutem Zureden schaffte Hans es, sie mir ganz auszuziehen. Im Nachhinein muss ich über solche Situationen einfach schmunzeln und lachen. Während der Situation war mir die Hose am Knöchel egal. Ob ich Musik wolle fragte Laura, „Keine Ahnung“ war meine knappe Antwort kurz vor der nächsten Wehe. Als ich diese Kontraktion hinter mich gebracht hatte wusste ich es: „Keine Musik!“.

Es kann einem ja oft erzählt werden, dass man merken wird was einem gut tut und was nicht, dass man sich auf seine Intuition und seinen Körper verlassen soll. Ich konnte es erst glauben als ich drin steckte. So trieb mich mein Körper wieder aufs Bett. Wieder in Seitenlage, so wie ich auch noch bei uns zu Hause Lauras Ankunft am Besten abwarten konnte. Sämtliche Positionen aus dem Geburtsvorbereitungskurs, wie Vierfüßlerstand oder an die Schultern des Partners gestützt, waren nicht die Richtige. Aber trotz der sich steigernden Schmerzen und Aufregung fühlte ich mich gut. Sicher. Unser Baby kam. Mein Körper übernahm die Kontrolle und ich konnte ihm vertrauen. Mich gehen lassen. Es zulassen. Laura gab mir die Sicherheit als Hebamme den Überblick zu haben, den ich als Gebärende nicht hatte. Und Hans gab mir den emotionalen Halt, den nur er mir geben kann. Ich erinnere mich, dass wir uns unsere Liebe beteuerten und uns küssten. Wir stärkten uns.

Die Wehen wurden stärker und stärker. Ich war so überwältigt von dieser unsichtbaren Macht. Ich konnte nichts tun als brüllen. Ich dürfe mit pressen, müsse aber noch nicht, sagte Laura, sie würde jetzt Ihre Kollegin rufen, es scheine schnell zu gehen. Kaum war Laura aus dem Raum überkam mich der erste Pressdrang, so dass Hans, tapfer meine Hand haltend nur noch „Laura!?“ wimmern konnte. Innerlich musste ich kichern, äußern konnte ich es nicht.

Irgendwann saß Hans hinter mir auf dem Bett und massierte mit festem Druck mein Kreuzbein, wenn ich brüllend, pressend, angeleitet von meinem Körper unser Baby Richtung Ausgang bewegte. Mit aller Kraft zog ich währenddessen an der Matratze und dem Kopfende des Bettes um einen Gegenhalt zum Pressdrang nach unten zu haben.

Die Wehen, der Pressdrang, die unsichtbare Macht und deutlich spürbare Kraft nahmen immer weiter an Intensität zu. Die Schmerzen auch. Ich konnte nicht anders als zu fluchen, wenn sie nachließen und zu jammern wenn sie sich wieder von neuem auftürmten. All meine Energie steckte in diesen Wellen, dazwischen erschlaffte mein Körper. Wie sollte ich da noch meine Unterhose ausziehen und wie sollte ich nur das Bein hoch kriegen? Das Baby musste doch da raus! Man könne die Unterhose zerschneiden schlug Laura vor und legte mein Bein später auf Ihre Schulter. Mir war schlecht. Ich sah es blitzen. Ausnahmezustand. Während dieser überwältigenden körperlichen Erfahrung, gab mir Laura immer wieder ein gutes Gefühl. Sie kontrollierte die Herztöne des Babys, und bestätigte, dass alles in Ordnung sei, sie versicherte, dass sie auch ohne Ihre Kollegin, die im Stau steckte, alles im Griff habe. Sie erinnerte mich zwischen den Wehen schon mal daran zu atmen, tönte leise mit. Hans stärkte mir im wahrsten Sinne des Wortes den Rücken.

Claudia schrie unter den Wehen so unglaublich laut, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Stattdessen drückte ich hinter ihr im Bett kniend mit beiden Händen gegen ihren unteren Rücken. Das schien Ihr zu helfen, auch wenn ich scheinbar nicht immer die richtige Stelle traf, denn ich wurde immer wieder korrigiert. Vielleicht gab es auch nicht die eine richtige Stelle, vermutlich war der Schmerz oder Druck oder was es war gar nicht auf eine Stelle reduzierbar. Vielleicht änderte sich auch die richtige Stelle immer wieder. Jedenfalls drückte ich sehr fest und ausdauernd, das wollte sie so. Ständig sah ich Laura ins Gesicht. Sie war konzentriert und entspannt. Es lief wohl so wie es sollte. Plötzlich sagte mir Laura, dass sie schon den Kopf sehe. ‚Krass! Das geht ja unglaublich schnell!‘ dachte ich. Die Fruchtblase explodierte förmlich. Die Wehen kamen scheinbar ohne Pause. Claudia schrie und presste. Aufgeregt und gespannt rechnete ich jeden Moment damit endlich unser Baby zu sehen.

Das Fruchtwasser schoss in einem riesigen Schwall in meine Richtung. Ich sprang in die Hocke und fand mich knöcheltief in süßlich riechendem Fruchtwasser wieder. Claudia schrie noch lauter als ich es je für möglich gehalten hätte. Ein kleiner Kopf bedeckt mit dunklem Haar kam zur Welt, unmittelbar gefolgt von kleinen kräftigen Schultern. Noch einmal presste und schrie Claudia, noch einmal presste ich meine Hände gegen ihren Rücken:

Da war es! Unser Baby! Unser zweites Kind! Unser zweites Wunder! Diesmal mit Haaren. Laut brüllend, demonstrierte es uns seine Kraft. Dennoch fragte ich ob es in Ordnung sei, als Laura mir das kleine süße, verquollene, brüllende, dunkelrote Menschlein reichte. „Hallo Baby!“ Ich küsste seine Stirn. „Ja, alles ist gut.“ versicherte Laura. Hans schob mein T-Shirt hoch und ich legte das kleine zugleich starke und zarte Menschlein auf meine Brust. „Was ist es denn?“ quiekte ich berauscht, erschöpft, erleichtert, glücklich. Wir wollten nun endlich wissen ob ein Junge oder ein Mädchen in unsere Familie kam. „Guckt doch selbst nach.“ bot uns unsere tolle Hebamme an. Und da ich erschöpft unser Kind gerade so im Arm halten konnte stellte Hans fest, dass Mila das Licht der Welt erblickt hatte. Unsere Tochter! Ein Mädchen! Mikos kleine Schwester.

In Handtücher und Decken gemummelt, konnte ich Ihren kleinen warmen Körper auf mir spüren und verschnaufen.

Erleichtert und stolz schaute ich über Claudias Schulter. Streichelte und küsste unsere Tochter und meine Frau, sah den beiden zu wie sie erschöpft und glücklich schmusten. Wir küssten uns und unsere süße Tochter, die hellwach, durch kräftiges Nuckeln an ihren Fingern laut schmatzend, sich selbst beruhigt und ihren ersten, sehr energischen, Lebensschrei, beendet hatte.

Wir konnten alle einmal Durchatmen, dann ging es weiter. Die Nabelschnur war auspulsiert, ich durfte sie nun durchtrennen. Dann war ich dran mit kuscheln. Mila wurde mir auf den nackten Oberkörper gelegt. Endlich konnte ich sie spüren. Ganz nah und warm bei mir. Es fühlte sich wunderbar gut und schön an.

Nach der ersten Entspannung kündigte sich mit den Nachwehen schon die Plazenta an. Ich wollte nicht mehr, hatte keine Kraft mehr. Vor allem mental. Ich war blockiert, machte „unten zu“ wie ich Laura meine Angst beschrieb. Mit ihrer Hilfe durch gutes Zureden, Geduld und Einfühlungsvermögen konnte ich auch noch die Nachgeburt komplikationslos gebären und nun endlich richtig aufatmen. Jetzt war es wirklich geschafft. Medizinische Kontrollen und Maßnahmen waren jetzt nur noch Nebensache für mich. Wir hatten es geschafft. Wir haben unsere Traumgeburt unseres zweiten Kindes erleben dürfen.

Während die Hebammen Papierkram erledigten und Mila mit kräftigem Zug trank, kuschelten wir Kekse knabbernd noch eine Weile zu dritt im Bett. Mila war so kräftig und energisch wie ich sie schon in meinem Bauch kennengelernt hatte. Ihre ganze Erscheinung, ihr Wesen passte zu „Püpü“ in meinem Bauch.

Der Alltag im Geburtshaus begann, man hörte Mütter mit Ihren Babys zu ihren Kursen eintrudeln. Es herrschte eine freudig erregte Stimmung an diesem sonnigen Morgen eines wunderbaren Sommertages. Und wir lagen da in unserer kleinen Oase des Glücks und mir kamen wieder die Tränen als ich meine Schwester anrief: „Ein Mädchen! Ein Mädchen! Das Baby ist da. Mila.“

Die U1 durfte Mila zwischen uns ins Bett gekuschelt über sich ergehen lassen. 4320g, 55cm und gesund. Nachdem wir noch gemütlich mit unseren Hebammen die Plazenta betrachtet hatten, aber kein Stück davon essen wollten, packten wir die Nabelschnurschnecke und unsere Sachen. Ich nahm eine wohltuende Dusche, mein leerer Bauch hing einfach runter, meine Gebärmutter war schon wieder auf Handballgröße geschrumpft. Währenddessen zog Hans Mila an und die zweite Hebamme begann bereits Bettwäsche zu wechseln und Putzmittel bereit zu stellen. Klar, der Raum sollte ja für die nächste Geburt wieder bereitstehen und wir mussten vor dem Tief, das eine Gebärende wohl rund drei bis vier Stunden nach der Geburt einholt, zu Hause sein. Die Energie des Tages der nun in vollem Gange war riss uns mit und wir fuhren glückselig nach Hause.

Der nun große Bruder machte Mittagsschlaf als wir heim kamen. Perfekt. Die frischgebackene dreifach Omi begrüßte uns strahlend und ruhig. Während sie uns ein schönes, spätes Frühstück zubereitete kuschelten wir uns in unser Ehebett, dass jetzt wieder ein Familienbett war. Wir machten Fotos und verbreiteten nun die frohe Botschaft.

Mir kamen die Tränen als Miko aus seinem Mittagsschlaf erwachte. Auf diesen Moment hatte ich mich unendlich gefreut. Und auch etwas vor ihm gebangt. Den Moment, wenn Miko seine Schwester kennenlernt. Das Baby, Püpü, das in meinem Bauch herangewachsen ist. Der große Bauch, den er liebkost, bekuschelt hat. Gegen den er nicht treten durfte. Auf dem er herum geklettert ist. Der Bauch war nun weg. Stattdessen war da ein winziges Menschlein. Ein Baby mit dem er zunächst nicht spielen kann. Nicht toben kann. Nicht zanken kann. Nur ganz vorsichtig streicheln und küssen. Ganz vorsichtig. Mir kamen die Tränen und bestimmt hab ich mich zusammen gerissen um ihn nicht zu verunsichern. Ich erinnere mich nicht mehr daran ob Hans oder Mutti ihn herein brachte. Zu Mila und mir ins Bett setzte. Ich weiß aber noch, dass er süß, aufgeregt, leise, wie wir drei Erwachsenen, gespannt, das Baby ansah. Er lächelte und streichelte sie ganz kurz. Das das ein kleines Baby war, verstand er sofort. Schließlich hatten wir in der letzten Zeit vermehrt nach Babys Ausschau gehalten und sie bestaunt. Auch hatten wir darüber gesprochen, dass ich ein Baby im Bauch habe und dass es bald bei uns wohnen wird. Und er hatte wie wir das Baby in meinem Bauch Püpü genannt. Das Baby das da nun mit seiner Mami im Bett lag, brachte er aber nicht mit Püpü in Verbindung. Erst neugierig dann ungläubig sah mein 19 Monate alter Goldschatz mich an als ich ihm sagte „Das ist Mila, deine kleine Schwester. Unser Baby. Püpü!“, sofort war mir klar, das ist nicht mehr Püpü für ihn. ‚Machen wir es nicht zu kompliziert für den kleinen Menschen‘ dachte ich „Das ist Mila, deine kleine Schwester.“ „Mila!“ sagte er prompt.

Jetzt war Mila richtig bei uns, in unserer nun vierköpfigen Familie angekommen!


* Name geändert

1) http://www.hebammenwissen.info/geburtseinleitung-risiken/ ; siehe auch: Ina May Gaskin ‚Die selbstbestimmte Geburt‘ , Kapitel 6, Abschnitt ‚Eingeleitete Geburt‘ S. 215ff


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8 Kommentare zu „Unsere Traumgeburt im Geburtshaus Düsseldorf

  1. Kerstin K. 9 Aug 2018 — 9:18

    Hallo Claudia,
    vielen Dank für Euren Geburtsbericht. Wie schön Ihr es aus den zwei Perspektiven beschrieben habt. Es kommt das Gefühl auf, als habt Ihr die Geburt richtig genossen.
    Mein Sohn ist vor 14 Tagen geboren und Euren Bericht habe ich vorher gelesen. Klingt ein bisschen verrückt aber Ihr hattet mir ein wenig die Angst vor der Geburt genommen.
    Vielen Dank.
    Viele Grüße
    Kerstin

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    1. Liebste Kerstin,
      vielen lieben Dank für deinen Beitrag! Es klingt ganz und gar nicht verrückt, sondern rührt mich zu Tränen. Denn das ist doch genau das was ich mit meinem Blog erreichen möchte.
      Habt keine Angst! Freut euch! Die Geburt eines Kindes ist etwas wunderbares! Natürlich ist es beängstigend. Eine unbekannte Situation in der Mutter und Kind sehr verletzlich sind. Um so wichtiger finde ich gute Aufklärung. Denn das Vertrauen in den Körper der Mutter und die Betreuung durch eine (nicht überarbeitete!) Hebamme sind für Mutter, Kind und Vater/Co-Mami das aller Wichtigste.

      Wir haben die Geburt unserer Tochter sehr genossen. Und die unseres Sohnes in großen Teilen, aber ganz anders. Ich hoffe eure war auch voller Wunder und gratuliere dir von Herzen zum Sohnemann.

      Vielen Lieben Dank für deine offenen Worte!

      Alles Liebe, Claudia ❤

      Und mit 'Hör auf dein Herz' gebe ich dir von Mutterherzen meinen wichtigsten Ratschlag an dich als Mutter!

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  2. hebammenblog 16 Apr 2018 — 10:22

    Wunderschön! ❤

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  3. Hallo Claudia, das ist aber ein toller Geburtsbericht. Die Abwechslung zwischen deiner Sicht und der deines Mannes gefällt mir sehr gut. 🙂 Wir haben unsere Kinder auch im Geburtshaus bekommen und ich würde es immer wieder so machen! ❤

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    1. Herzlichen Glückwunsch zu Püpü 🙂

      Gefällt 1 Person

    2. Hallo, kleinegipfelstürmer,

      vielen Dank für dein Kompliment! Wie schön, dass ihr auch so tolle Geburtserfahrungen machen konntet!

      Alles Liebe,
      Claudia

      Gefällt 1 Person

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