Prost, Schwesterherz!

Mila macht erstaunliche Fortschritte. Wir lassen sie an allen Mahlzeiten teilhaben, wenn sie nicht gerade schläft. Falls es dann passt, lasse ich sie auch nach dem Schläfchen noch etwas knabbern, während ich einen Kaffee trinke. Aber schöner ist es für sie natürlich in Gesellschaft zu essen. Am Besten in Gesellschaft ihres Lieblingsvorbildes: Ihr heißgeliebter großer Bruder. Inzwischen haben wir auch einen Hochstuhl für sie. Sie kann zwar noch nicht selbständig sitzen, aber gut ausgepolstert hat sie mit dem Tisch drumherum viel mehr Bewegungsmöglichkeiten und Erfolgserlebnisse, ohne dass wir ihr zu sehr helfen. Ich nehme sie aber auch immer noch auf den Schoß, wenn ich den Eindruck habe es wäre ihr jetzt doch lieber.

Setzen wir uns an den Tisch, beginnt sie zu brummen und zu knurren und fordert somit ungeduldig, dass sie loslegen will. Darauf folgt dann beim Lätzchen anziehen ein lautstarkes Gemotze und sobald sie anfängt sich etwas vom Tisch zu angeln, herrscht konzentrierte Ruhe und aufgeregtes Beinchengezappel. Wenn ein besonders leckerer Hapsen endlich in ihrem Mund landet, wird es mit einem erfreuten Glucksen kommentiert. Es gibt auch schon mal Gebrabbel wenns einfach gut läuft und Spaß macht oder erneutes Brummen, wenn wieder etwas entwischt.

Die BLW-Vertreter nennen ja als einen großen Vorteil, dass man nicht extra für das Kind kochen müsse, es könne einfach vom Familienessen mitessen. Ganz so einfach finde ich es nicht. Von unserem Brot möchte ich ihr nichts geben, weil das meiner Meinung nach zu stark gesalzen ist. Auch soll sie ja noch keine Kuhmilchprodukte kriegen, die sich ja aber in der Sahnennudelsoße befindet. Räuchertofu im Currygemüse ist zu salzig und auch wenn man diesen separat brät, bleibt da ja noch das Salz aus der Currypaste. Also kochen wir in der Regel extra für sie. Der Aufwand hält sich aber in Grenzen und ich schätze wir werden uns bald annähern. (Wie alles begann erfährts du in Essen will gelernt sein.)

Heute mittag zum Beispiel hat sie eifrig die Avocado vom Zwieback* gelutscht und deutlich nach mehr verlangt. Die gedämpfte Zucchini hat sie im Nu verschlungen. Zumindest hab ich keine Reste mehr gefunden (mir fällt gerade ein, ich habe nicht geguckt ob sie vielleicht unter der Tischplatte klebt…). Zum Frühstück gabs die Nudeln mit Tomatensoße vom Vortag, etwas Banane und Reiswaffel*.

Und natürlich, wie es auch in unserem Nachschlagewerk geschildert wird (Genaueres zum erwähnten Buch findest du in meinem Artikel Mit Genuss ans Essen), merkt man deutlich am Windelinhalt, dass sie isst. Und zwar nicht mehr so, dass man das eine Stück Birne, das plötzlich weg war eins zu eins wiedererkennt. Nein, sie verdaut es schon richtig! Ich bin total fasziniert und begeistert! Am Stillen merke ich aber noch nichts. Klar! Wir sind ja auch erst seit ca. vier Wochen dran. Ich könnte mir zwar einbilden, dass sie tagsüber seltener und kürzer trinkt, aber das holt sie nachts auf jeden Fall alles nach.

Und da kommen wir auch schon bei meinem inneren Zwiespalt an. Ich liebe das Stillen. Ich finde es toll, dass meine Brüste nicht bloß hübsche Anhängsel sind, sondern richtige Organe mit einer Funktion. Ich kann spüren wie sie arbeiten und mein Kind nähren. Mein Kind wird aus dem gemacht was mein Körper für es produziert. Milas Körper besteht aus meiner Milch. Nun ja, jetzt immer mehr auch aus dem was sie selbst isst. Ein Ende dieser körperlichen Verbundenheit ist in weiter Ferne in Sicht.

Außerdem ist Stillen unglaublich praktisch: Immer servierbereit (vorausgesetzt Mutter und Säugling befinden sich am selben Ort), immer in der passenden Zusammensetzung, magenschonend, leicht verdaulich. Darüber hinaus gibt es beiden ein schönes Gefühl, der Geborgenheit und Zufriedenheit, das Kind kann seinen Kummer vergessen oder sich zumindest trösten, dass es nicht alleine ist. Wenn das Kind krank wird, ist stillen erstmal die beste Medizin. Als Miko mit acht Monaten ein Magen-Darm-Virus anschleppte, hab ich ihn für gute 24 Stunden wieder voll gestillt. Wir waren mit der Beikost schon so weit, dass er noch morgens zum zweiten Frühstück, abends zum Einschlafen und nach Bedarf nachts an der Brust trank. Ohne Probleme konnte ich die Milchproduktion wieder hoch kurbeln. Ich hab da gar nicht drüber nach gedacht. Ich wusste, das sich immer wieder übergebende Kind brauchte Flüssigkeit, sämtliche Nährstoffe und Sicherheit. Außerdem wusste ich, der sensible Magen könne, wenn irgendwas, dann die Muttermilch am Besten vertragen. Also legte ich ihn immer wieder an, aber nur kurz, um den Magen nicht zu voll werden zu lassen, und versorgte ihn so für gute 24 Stunden. Als er seinen Infekt dann rasch überstanden hatte, stellten wir ihn innerhalb eines Tages behutsam wieder um. Er machte das alles problemlos mit. Als Hans und ich am Tag drauf dann selbst flach lagen, waren wir heilfroh, dass unser Goldschatz einen Tag mit seinen Omas und dem Essen, dass wir für ihn einpackten, verbringen konnte. So hatten wir die Möglichkeit uns nur um uns kümmern zu müssen.

Ich habe etwas weit ausgeholt. Was ich sagen wollte: Stillen ist schön und praktisch und ich sehe dem Ende meiner zweiten Stillbeziehung wehmütig entgegen. Aber Stillen bedeutet eben auch körperliche Abhängigkeit.

Im Sommer, wenn Mila gut ein Jahr alt ist, würde ich mit Hans gerne Hochzeitstag feiern. Vielleicht ins Theater gehen oder zumindest schön, erwachsen essen gehen. Und eine Woche drauf steht eine richtige Erwachsenenparty an, unser Lieblingsfestival. Dort würde ich es gerne endlich mal wieder richtig krachen lassen. Da ich Miko mit einem Jahr abgestillt hatte, war ich bis jetzt sicher, dass dem nichts im Wege stehen würde. Da wir aber jetzt so toll mit der Fingerfoodmethode fahren, was mich sehr glücklich macht, denn es fühlt sich richtig an, dem Menschlein auf diesem Wege das Essen nahe zu bringen, kann ich mir nun nicht mehr sicher sein ob das alles so klappt.

Es ist ja auch so, selbst wenn ich genug Milch für eine Nacht und einen halben Tag (zum ausschlafen! Endlich richtig ausschlafen!) zusammen gepumpt kriegen würde, weiß ich ja nicht ob ihr das dann reicht. Emotional. Denn wenn die Ernährungsumstellung schon bei „nur noch nachts“ angekommen ist, ist die Nahrungsaufnahme beim Stillen ja nur noch zweit- oder drittrangig. Kommt meine Maus dann ohne meine Brust, ohne mich überhaupt aus? Und auch noch ohne Papi? Reicht ihr die Oma? Will der große Bruder seine heißgeliebte Oma überhaupt teilen? Sind die zwei dann schon soweit, dass sie sich gegenseitig Sicherheit geben? Verlange ich zu viel von meinen kleinen Kindern? Muss ich unbedingt feiern gehen? So egoistisch sein? Darf ich mir überhaupt erlauben, so weit zu gehen, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, meinem Mädchen Pre statt Muttermilch geben zu lassen weil, das Abpumpen einfach so unendlich mühsam ist? Ist es besser nachts ein Hafermilchfläschchen anzubieten? Ist das Quatsch? Sollte ich besser gar nicht so weit denken, hoffen träumen? Kommt es vielleicht sowieso, wieso oft mit Kindern, ganz anders als man denkt? Vielleicht liegen wir letztendlich alle vier mit Magen Darm flach. …

Genau in diesem Moment ruft meine Schwester an: „Claudia. Ich trink mir jetzt n Rum. Alleine, hier zu Hause. Prost! Eigentlich war ich zu einer tollen karibischen Party verabredet, mein Sohn sollte beim Vater schlafen, ich hatte mich schon sehr gefreut. Aber jetzt ist der kleine Schatz krank und schläft hier in seinem Bettchen.“

Prost, Schwesterherz! ❤

 


*Sie bekommt ungezuckertes und ungesalzenes Dinkel-Baby-Zwieback und ungesalzene Bio-Reiswaffeln.

 


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Alles Liebe, deine Claudia ❤

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2 Kommentare zu „Prost, Schwesterherz!

  1. So ein schönes Plädoyer fürs Stillen und gleichzeitig die ungeschminkte Wahrheit – ganz viel Herz in deinen Posts!

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, liebe Clara für das schöne Kompliment! Das ermutigt mich weiter zu machen 🙂
      Alles Liebe!

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