Ich glaub dann nehm ich jetzt das.

Ein Baby vorm Bauch tragender Vater sprach mich an. Ob ich mich damit auskenne. „Ein bisschen, worum gehts denn genau?“ Er hielt eine große Packung Muttermilchersatzpulver in der Hand.

Ich habe noch nie Ersatzmilch verfüttert. Insofern kenne ich mich mit der Fütterung von angerührter Milch nicht aus. Ich habe mich aber dennoch etwas damit beschäftigt. Einerseits, da auch die Ersatzmilch in dem Buch, dass uns schon zweimal beim Beikosstart begleitet hat, behandelt wird. Andererseits nahm ich am Austausch einiger Mütter in Mikos Krabbel- und jetzt Spielgruppe teil, die Ersatzmilch fütterten. Außerdem bin ich mit meinem Pro-Stillen-Gewissen jetzt fast soweit, dass Mila an einem Mamifreien Abend auch mal ein Prefläschchen bekommen kann.

Auf der Packung die der Vater in der Hand hielt, prangte eine große „Zwei“. Daneben die Erklärung „nach dem 7. Monat“.

Leider war ich auf so eine ad hoc Beratung nicht vorbereitet, wo mir dennoch das Thema so am Herzen liegt. Ich erklärte ihm also erstmal, dass man am besten immer die Premilch füttert, da diese der Muttermilch am ähnlichsten sei. In Folgemilch seien nur unnötige Sattmacher und andere überflüssige Zusatzstoffe drin. Das habe die Industrie sich dummerweise so ausgedacht. Ein belächelndes Lächeln. „Wir haben ja das Gefühl, dass er nicht richtig satt wird. Dass die Milch meiner Frau nicht mehr richtig reicht (ein Kichern). Also sind Sattmacher ja gut.“ Meinen Impuls die Muttermilch und das Stillen zu verteidigen unterdrückte ich. War das falsch? Hätte ich ihm mein Wissen dazu unter die Nase reiben sollen? Oder wäre es kein unter die Nase reiben, sondern ein hilfreiches Informieren gewesen? Ich dachte, die wollen Ersatzmilch geben, dann soll es wenigstens die richtige sein. Also sagte ich „Na ja, die Premilch kann man wie Muttermilch immer nach Bedarf geben, ohne sich Gedanken machen zu müssen. Bei der Zweier kann es sein, dass er übergewichtig wird wenn er zu viel davon trinkt.“ „Hm..übergewichtig…na ja..n kleines Moppelchen biste ja schon…“ (ganz durchschnittliche Babygliedmaßen baumelten meines Erachtens aus der Trage). Ich erkundigte mich nach Sohnemanns Interesse nach Beikost. „Doch, doch. Wie wild. Er isst so viel,“ „Ja ist doch super!“ erwiederte ich, „Dann braucht der das auch! Die wissen selbst am besten was und wieviel sie brauchen! (ein ungläubiges Lachen) Doch! Sie wissen das meist besser als wir!“ Er überlegte noch ein bisschen, mir fiel währenddessen all das nicht ein was ich heute hier dazu erklären möchte. Ich sagte noch „Da muss man wahrscheinlich auf sein Herz hören.“ und so beschloss er: „Ich glaub dann nehm ich jetzt das.“ Bedankte sich freundlich und zog mit seiner großen Packung Folgemilch davon.

Beratung nicht erfolgreich. Oder ist der Erfolg einer Beratung nicht von der letztendlichen Entscheidung des zu Beratenden abhängig? Sondern viel mehr davon, ob man alle wichtige Fakten vermitteln konnte, so dass der Ratsuchende gut informiert entscheiden kann? Ich frage mich auch ob sich weder Mutter noch Vater vor dem Kauf irgendwie, irgendwo informiert hatten.

Leider, das ärgert mich am meisten, habe ich versäumt auf die Hebamme zu verweisen. Denn diese ist doch bis zum Ende der Stillzeit immer noch eine vertraute und vertrauenswürdige Beraterin, die genau für solche Fragen zuständig ist.

Auch habe ich versäumt mit dem Vater genau auf die Packung zu schauen. Auf der Premilch (die wir schon länger hier haben, aber noch nicht angerührt haben) steht nämlich ein interessanter und wichtiger Hinweis. Ob der auch auf der Folgemilch steht?

Wichtige Hinweise:

Zur Ernährung: Stillen ist die beste Ernährung für ihr Baby. Sprechen Sie bitte mit Ihrem Kinderarzt oder Ihrer Hebamme, wenn Sie eine Säuglingsanfangsnahrung verwenden wollen.

Der zweite Hinweis betrifft die Zahngesundheit und gilt, so weit ich weiß, nicht nur für Ersatzmilch sondern auch für alle anderen Kohlenhydrathhaltigen Getränke (Saft, Quetschi, gesüßter Tee..): Dauernuckeln kann zu schwerer Karies führen. Also nach dem füttern das Trinkgefäß wegnehmen. Dieses am besten selber halten und nicht aus der Hand geben.

Ich hab also die Hoffnung, dass die ratlos kaufende Familie, sich nach lesen des Hinweises doch noch professionellen Rat geholt hat, oder zumindest bei einer umfassenden Internetrecherche, die richtigen Tips angeklickt hat (dummerweise erscheint mein Artikel mit etwas Verzögerung zum Kauf 😉 ).

Im Folgenden also einmal strukturiert, fundiert und vollständig was mir zum Thema Ersatzmilch & Co bekannt ist.

Meine Milch/die Milch meiner Frau reicht nicht mehr.

Das Baby ist unter einem Jahr alt? Das Baby darf nach Bedarf an die Brust? Das Baby probiert neugierig die angebotene ausgewogene Beikost und trinkt eventuell Wasser?

Dann wird das Baby auch satt! Es lernt vielleicht gerade krabbeln und sich hochziehen oder es hat einen Wachstumsschub, dann hat es auch einen enormen Kalorienverbrauch und somit mehr Hunger. Wie schon unmittelbar nach der Geburt gilt weiterhin: Nachfrage regelt das Angebot. Je häufiger der Säugling saugt, desto mehr Milch wird produziert. Außerdem verändert sich die Zusammensetzung der Milch mit dem Lebensalter des Kindes und passt sich so dem Bedarf an.  Vielleicht ist es auch gerade sommerlich warm geworden und das Baby hat einfach mehr Durst. Ein nach Bedarf gestilltes und gefüttertes Baby hat keinen Hunger.

Wenn dieses Verhalten für dich einen Rückschritt beim Beikost-einführen-und Muttermilch-reduzieren darstellt, kannst du versuchen deinem Kind öfter Wasser anzubieten und wenn das nicht reicht die Kalorienzufuhr durch die Beikost noch etwas zu erhöhen . Hierbei sollte man aber langsam vorgehen um den Verdauungstrakt des Kindes nicht zu überfordern. Und dennoch auch die Brust anbieten. Bei Unsicherheiten fragst du am besten deine Hebamme.

Wenn das Baby, vor allem nachts, viel nuckelt aber kaum schluckt, hat es wahrscheinlich keinen Hunger sondern sucht Nähe und Trost. Zum Beislpiel, weil es zahnt oder einfach nicht alleine sein will. Es sei denn, es beruhigt sich nicht an der Brust, hat offensichtlich Hunger und schimpft, dass keine Milch fließt. Dann ist da vielleicht tatsächlich zu wenig Milchproduktion. Zum Beispiel durch eine Diät der Mutter, eine erneute Schwangerschaft, oder auch Alkoholkonsum kann den Milchfluss verringern. Auch hier kann deine Hebamme helfen!

Welche Ersatzmilch ist denn nun die Richtige?

Premilch! Die Zusammensetzung der Folgemilch kann zu Übergewicht führen. Auf Grund der anderen Zusammensetzung, kann die Folgemilch nicht nach Bedarf gefüttert werden, wie Muttermilch und die sehr ähnliche Premilch . Wenn dein Baby zum Beispiel noch nicht gelernt hat, dass Wasser Durst löschen kann wird es bei Durst nach dem Milchfläschchen verlangen. Hunger hat es nicht, es benötigt also keine weiteren Kalorien. Diese bekommt es dann aber in falscher Form durch die Folgemilch.

Auch wenn dein Baby das Milchfläschchen als emotionalen Ersatz zur Brust einsetzen möchte, sind die überflüssigen „falschen“ Kalorien eher schädlich, als bereichernd.

Es gibt noch sogenannte HA-Milch. Sowohl als Pre- als auch als Folgemilch. Die ist besonders für Kinder bei denen ein erhöhtes Allergierisiko besteht oder Allergien bereits bekannt sind, geeignet. Die Rücksprache mit Hebamme oder Kinderarzt ist ratsam.

Die 1er-Milch enthält ebenso wie die Folgemilch schlecht verwertbare Stoffe, die die Verweildauer im Magen verlängern können. Sie hat keinen Mehrwert für den Säugling. Das sämigere Erscheinungsbild dieser Milch, dient hauptsächlich dem Gefühl des Fütternden: Er bekommt dadurch den Eindruck die Milch wäre gehaltvoller und das Kind würde endlich richtig satt werden.

Wie gebe ich meinem Kind am Besten die Milch?

Am besten ganz nach Bedarf. So wie du bis jetzt die Brust angeboten hast, also immer wenn du vermutest, dein Kind hat Hunger oder Durst. Je nachdem wie weit du mit der Beikost bist kannst du das Essen und Wassertrinken natürlich weiter anbieten. Nimm für das Wasser ein anderes Gefäß als für die Ersatzmilch. Dann kann das Kind dein Angebot besser auseinanderhalten und Enttäuschungen kann etwas vorgebeugt werden. Und auch wenn du gar nicht vor hast zu stillen oder nie gestillt hast, füttere nach Bedarf! Der kleine, perfekte Körper deines Kindes weiß am besten wann es wie viel braucht!

An dieser Stelle möchte ich gerne oben genanntes Buch zitieren:

  • Die richtige Saugerwahl
    • Eine breite Lippenauflagefläche regt Lippen und Zunge stärker zur Mitarbeit an, wodurch die Mundmotorik trainiert wird.
    • Ein möglichst kleines Loch sorgt dafür dass nicht soviel Milch aus der Flasche strömt, dass das Kind mit der Zunge dem entgegenwirken muss. So würde der Zungestoß bei jeder Flaschenmahlzeit trainiert werden, wobei er doch für die Beikost verschwinden soll.
    • Ich (nicht das Buch), würde sogar vorschlagen, einen Sauger zu nehmen, der der menschlichen Brustwarze vom Saugverhalten möglichst nachempfunden ist (wie es sie beispielsweise von Medela und Avent gibt).
  • Halte den Körper- und Blickkontakt wie beim Stillen aufrecht, um dem Kind weiterhin diese Nähe zu geben. Füttere das Baby also nicht in Babyschale o.ä.
  • Halte dein Baby möglichst aufrecht, damit die Milch nicht durch die Schwerkraft in den Mund fließt.
  • Stecke deinem Baby nicht einfach den Sauger in den Mund. Biete ihm die Flasche durch zeigen und an die Lippen tippen an und schiebe sie erst rein, wenns den Mund öffnet.
  • Lass dein Baby seine „Auge-Hand-Koordination“ trainieren. Halte es dafür mal auf dem rechten und füttere mit dem linken Arm und umgekehrt. Wie auch beim Stillen kann das Kind dann je nach Position beim Trinken mit der jeweils freien Hand tasten, greifen und spielen.
  • Dein Kind weiß wann es satt ist! Füttere es nicht über sein Hungergefühl hinaus! Aufzuhören wenn man satt ist, ist eine wichtige Fähigkeit um Übergewicht und dessen schweren Folgen vorzubeugen. Ich habe irgendwo gelesen, dass man dazu am besten die Flasche abdeckt und das Kind entscheiden lässt wann die Mahlzeit beendet ist. Angegebene Mengen seitens der Hersteller sind Richtwerte, keine Sollwerte.

Auch wenn ich dem Sohn des Vaters im Drogeriemarkt leider nicht helfen konnte, den in meinen Augen besten Weg einzuschlagen, hoffe ich, dass ich dir oder deinem Umfeld ein paar gute Hinweise vermitteln konnte. Falls du noch Fragen hast oder anderer Meinung bist, lass doch einfach einen Kommentar da, ich würde mich freuen.

Hör auf dein Herz. Alle Liebe Claudia ❤


Meine Lieblingsquellen zu dem Thema:

Buch:  „Einmal breifrei, bitte! Die etwas andere Beikost“ Loretta Stern und Eva Nagy

Blog:  Von guten Eltern ‚Folgen der Folgemilch‘


 

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3 Kommentare zu „Ich glaub dann nehm ich jetzt das.

  1. Liebe Claudia,
    was für ein liebevoller, gut recherchierter Beitrag!
    Deinen Blog kann man wirklich als „Lebenshilfe“ lesen!

    Viele Grüße
    Jutta

    Gefällt 1 Person

    1. Danke liebe Jutta, für dein tolles Feedback ❤

      Gefällt mir

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