Beziehungsweise

Erziehung beziehungsweise Beziehung.

Wenn man Eltern wird, kann man endlich beweisen wie viel besser man es macht als all die Eltern mit Ihren „unerzogenen“ Kindern, die man so in Straßenbahn, Supermarkt und Freundeskreis beobachtet. Ist doch ein Klacks, man muss ja nur konsequent sein. Zu dem stehen was man sagt.

Ja genau, ganz einfach.

Im Geburtsvorbereitungskurs lernte ich, dass man sein Baby nicht verwöhnen kann. Man kann sein Baby nicht zu oft auf den Arm nehmen, tragen, streicheln, stillen. Wenn das Kind weint, braucht es uns. Ihm das zu geben gibt ihm Sicherheit, Urvertrauen und Selbstbewusstsein. Danke liebe Barbara für diese weisen Worte, so konnte ich von Anfang an auf mein Herz hören und musste mein Baby nicht aus irgendwelchen erzieherischen Gründen schreien lassen.

Inzwischen glaube ich, dass ich nicht nur mein Baby nicht verwöhnen kann, sondern auch mein (Klein)Kind nicht. Was heißt denn verwöhnen überhaupt? Dass das Kind ständig seinen Willen bekommt? Ist es denn grundsätzlich schlecht, wenn Bedürfnisse und Wünsche erfüllt werden? Nein! Aber man kann nicht alles haben im Leben. Weil man nicht alleine auf der Welt ist. Weil auch andere Menschen Bedürfnisse und Wünsche haben. Weil es Grenzen gibt. Gesellschaftliche, gesetzliche, finanzielle und gesundheitliche Grenzen. Diese müssen wir unseren Kindern beibringen und sie dabei begleiten diese zu akzeptieren. Dabei kommt es schon mal zu Wut, Enttäuschung und Trauer. Erlaubte, berechtigte Gefühle, die unsere Kinder überwältigen können. So wie sie diese natürlichen Grenzen kennenlernen müssen, müssen sie auch Ihren Körper, ihre Gefühle kennen- und den Umgang damit erlernen. Und wir Eltern sind dafür da, dass sie dies geborgen und glücklich tun können. Genau so gibt es so viel zu entdecken, erleben und spielen, dass ich oft einfach nur glückselig, erstaunt und stolz meinen unglaublich schlauen, kompetenten Kindern zuschaue und mich von ihrer Freude und ihrem Glück anstecken lasse.

Dass ist die Theorie. Klingt einleuchtend und menschlich, oder? Die Umsetzung ist es für mich ganz und gar nicht. Ich bin sehr impulsiv und brauche mich daher nicht über das impulsive Verhalten meiner Kinder zu wundern. Ich werde laut, wenn ich gestresst bin und schmeiße schon mal Gegenstände wenn ich richtig wütend bin. Meinen Kindern Impulskontrolle bei zu bringen, bedeutet also erst einmal mir selbst Impulskontrolle beizubringen. Kinder lernen in erster Linie durch abschauen bei Vorbildern. Wenn du ohne Zuckerbrot und Peitsche, deine Kinder beim Aufwachsen auf Augenhöhe mit einer festen Beziehung begleiten willst, musst du vor allem dich selbst so verhalten wie du es von deinen Kindern erwartest. Das heißt auch auf dich acht zu geben, auf deine Bedürfnisse und Wünsche einzugehen und diese deinen Mitmenschen zu vermitteln.

Ich hab mich in das Thema erst so richtig eingelesen, als Mila anfing mit zuspielen. Also als sie sich in gewissem Rahmen vorwärts bewegen und nach Spielsachen greifen konnte. Miko fing an sie zu hauen. Sie störte ihn. Zerstörte Bauwerke, sabberte sein Spielzeug an und lag im Weg rum. Seine Wut war absolut verständlich. Seine Reaktion aber natürlich falsch. Hans und ich sprachen oft darüber, wie wir damit umgehen wollen. Eine Auszeit kam ins Spiel, eine Art Stille Treppe, Stiller Stuhl. Eine echte Strafe. Bei dieser falschen Reaktion wurde Miko auf den Schoß des betreuenden Erwachsenen genommen und musste sein Spiel unterbrechen. Dabei wurde mit ihm besprochen was er in solchen Situationen in denen er sich über Mila ärgerte, lassen soll und was er stattdessen tun kann. Die Hand heben und Stopp sagen und uns um Hilfe bitten. Wir brachen das nach kurzer Zeit wieder ab. Ihn für eine Handlung bestrafen, die er nicht absichtlich böse getan hatte, fühlte sich nicht richtig an. Sattdessen sind wir dazu übergegangen ihn in seinen Bedürfnissen stärker zu befriedigen (Also darauf zu achten, dass Mila mit etwas anderem spielt und dass er generell neben dem Geschwisterchen auch ganz viel Aufmerksam von uns bekommt.) und ihm gleichzeitig beizubringen, dass seine Schwester mitspielen darf, dass sie es altersentsprechend aber anders macht als er. Weiterhin haben wir eine Stopp-Hand gefördert und ihm vorgeschlagen Spielzeug zu tauschen. (Das Tauschgeschäft geht anfangs noch, so ein Baby nimmt ja erstmal alles, aber irgendwann will es das ergatterte Spielzeug auch behalten und nimmt nicht jeden x-beliebigen Gegenstand dankend an.) Es ist besser geworden! Es funktioniert ohne Strafe sondern mit Einfühlungsvermögen, Geduld und Konsequenz*. Gerade keimt die Thematik wieder auf, vielleicht haben wir nachgelassen, weil es funktionierte, vielleicht hängts aber auch mit den Veränderungen in unserem Familienalltag zusammen. Schließllich geht er jetzt den halben Tag in den Kindergarten und muss sich den anderen halben Tag mich mit Mila teilen, weil Hans Elternzeit zu Ende ist. Vielleicht ist es auch ein neuer Entwicklungsschub oder alles zusammen.

Beziehung ist immer etwas dynamisches, nie statisch, sagte Hans einmal zu mir. Die Beziehung zwischen den sich entwickelnden Kindern ändert sich genauso untereinander wie die unter uns Eltern und die zwischen den einzelnen Elternteilen und einzelnen Kindern. Veränderungen fordern und fördern Veränderungen. Ich habe immer die Möglichkeit etwas an mir zu ändern. Wir müssen uns als Eltern ständig neuen Herausforderungen stellen und immer wieder neu in unsere Rolle hinein wachsen. Ich versuche nicht allzu streng mit mir zu sein, aber ehrlich.

Seitdem ich viel zum Thema Bindungs-/Beziehungsorientierte Erziehung/Elternschaft lese ist es keineswegs leichter geworden! Ich ärgere mich viel öfter über mein Verhalten und habe ein schlechtes Gewissen. Grundsätzlich versuche ich weiterhin intuitiv mit meinen Kindern umzugehen, habe dabei aber immer im Kopf, dass meine Vorbildfunktion das wichtigste ist, intuitive Erziehung vor allem auf dem basiert was ich aus meinem Elternhaus mitbekommen habe und, dass ich als Erwachsener gelernt habe mit meinen Emotionen umzugehen und welche gesellschaftlichen Normen und Werte mir wichtig sind. Meine Kinder aber lernen es noch.

Ich bin also keineswegs Profi auf diesem Gebiet und möchte dir im Folgenden ein paar Lesetipps nahelegen. Wie immer gilt, pick dir raus was zu dir und deiner Familie passt, ausprobieren und verwerfen geht auch, hör einfach auf dein Herz.

Focus online „Das ungewöhnliche Plädoyer einer Mutter: Hört auf, eure Kinder zu erziehen!“

Hier wird kurz und gut beschrieben, was ich hier auch versucht habe zu erklären.

Ich muss sagen, so wie diese Mutter es beschreibt, läuft es hier noch(?) nicht. Es gibt „wenn, dann“ und „sonst“ und ich nutze auch immer noch meine körperliche Überlegenheit. Aber viel weniger, immer achtsamer. Beispielsweise fühlte mich wie eine brutale Gewalttäterin wenn ich Mila im Frühsommer wickeln musste. Sie hatte kein Interesse still auf dem Rücken zu liegen. Das ging so nicht weiter. Windelhosen und Übung meinerseits das stehende Kind zu wickeln, führten dazu, dass uns beiden das Wickeln wieder Spaß machte. Es gibt Alternativen! Prinzipienreiterei ist doch Energieverschwendung. Man muss nicht im Liegen wickeln, man muss auch nicht im Badezimmer die Zähne putzen und man muss die Jacke auch nicht immer anziehen bevor man raus geht. Man kann sie auch draußen anziehen, wenn man merkt, dass es ja ganz schön windig ist. Du brauchst dich auch nicht zu Sorgen, dass dein Kind, dann nie wieder eine Jacke anziehen will oder sich nie mehr im Badezimmer die Zähne putzt. Du machst es ja und schlägst es auch routinemäßig vor. Ehrlich, ich erlebe es selber. In der Eingewöhnung habe ich Miko einmal im Body in den Kindergarten gebracht. Er wollte sich einfach nicht anziehen. In eine kuschelige Decke gemummelt habe ich ihn im Buggy geschoben und ins Gebäude getragen. Erst in der Garderobe habe ich ihm, dann flott Shirt und Hose, ganz ohne Widerspruch, angezogen. Das kam jetzt einmal vor. Würde er es jetzt, bei den Temperaturen nochmal wollen, würde ich ihn auf dem Balkon fühlen lassen, dass es dafür nun leider zu kalt ist.

Mein gewünschtestes Wunschkind treibt mich in den Wahnsinn

Dieser Blog und das gleichnamige Buch mit dem entspannten Weg durch die Trotzphase von Danielle Graf und Katja Seide ist zum Nachschlagen, Stöbern und Lernen einfach wunderbar. Unbedingt reinklicken! Hier gibt es auch eine umfassende Rezension zum aktuell umstrittenen Film „Elternschule“. Ich hoffe, dass der Film hilfesuchenden Eltern nicht zeigt, wie Sie mit ihren Kindern umgehen sollen, damit sie funktionieren. Ich hoffe, dass die durch den Film angeregte Diskussion sowohl den suchenden als auch den nicht suchenden Eltern Alternativen aufzeigt ihren Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und bindungsorientierte Hilfestellen aufzusuchen, wenn nötig.

Nestling – Liebevolle Erziehung im modernen Gesellschaftswahnsinn

Als Miko vielleicht ein halbes Jahr alt war haben wir sein Gitterbett von unserem abmontiert und als ein echtes Gitterbett rechtwinklig zu unserem Bett gestellt. Drei Nächte habe ich überwiegend auf dem kalten, harten Holzstuhl zwischen unseren Betten verbracht. Danach haben wir das ganze wieder rückgängig gemacht und unser Familienbett 2.0 gebaut. Die Autorin von Nestling hat es bei mir „Klick“ machen lassen. Familienbett heißt nicht gleich Familienbett. Es gibt verschiedene individuelle Möglichkeiten. Genau so ist es jetzt bei uns. Auch sehr inspirierend fand ich ihr Erlebnis einen Tag nicht zu schimpfen und ihre Spielecken im Wohnzimmer.

Von guten Eltern – Wie das mit dem Kinderkriegen und Kinderhaben wirklich ist

Eine Hebamme die von ihrer Schwangerschaft, ihrer Geburt, ihrem Wochenbett berichtet und ganz viele schöne und nützliche Artikel bereit hält. Ich glaube ihr Mann schreibt auch hin und wieder. Während meines Wochenbettes mit Mila habe ich intensiv darin gelesen. Auch hier kannst du sowohl stöbern als auch nachschlagen und dabei sicher sein, dass die Seele deines Kindes und die Beziehung zwischen euch nicht verletzt wird, falls du dich hier inspirieren lässt.

Geborgen Wachsen

Diesen Blog habe ich bisher nicht bewusst aufgesucht. Er ist aber in der Suchmaschine bei meinen Fragen zu Familienthemen oft aufgetaucht und ich glaube einer der ganz Großen in der Szene. Hier bist du zum Thema geborgen wachsen auf jeden Fall gut beraten.

Es gibt sicher noch viele Blogs und Bücher mehr zu dem Thema. Lass mir gerne Tips oder deine Erfahrung und Meinung zum Thema in den Kommentaren da.

Ich wünsche dir einen schönen Weg und eine gute Beziehung zu deinem Kind.

Hör auf dein Herz. Alles Liebe, Claudia ❤


* Mit Konsequenz meine ich keine Prinzipienreiterei, Strenge oder Kälte. Sondern sich an das zu halten was man meint. Das man aus gutem Grund hinter einer Grenze steht, wenn man sie durchsetzt und aber auch bereit ist Alternativen und Kompromisse zu finden um möglichst vielen Bedürfnissen gerecht zu werden. Konsequent heißt nicht Schimpfen oder zeigen wer der Boss ist, sondern in ähnlichen Situationen ähnlich zu reagieren. Verlässlich und ehrlich zu sein. An Steckdosen darf man nicht spielen und im Straßenverkehr muss man das machen was die Erwachsenen sagen. Das ist Lebenswichtig. Nach einer glimpflichen Gefahrensituation bin ich ehrlich emotional. Halte mein Kind fest und vermittle ihn mit all meiner Angst um ihn wie gefährlich sein Handeln war. Im Klartext: Ich brülle oder spreche mit starker Stimme, weine gegenefalls, umarme ihn und sage ihm wie lieb ich ihn habe. Und versuche in friedlichen Situation ihm aufzuzeigen wie gut er sich im Straßenverkehr verhält und vor Abfahrt klären wir auch immer noch mal die Grundregeln: 1. Hören und befolgen was ich sage. 2. Wenn du mich nicht verstehst: Anhalten! 3. Anhalten! Stopp! Warte! Heißt immer sofort stehen bleiben. Konsequenz bedeutet auch Beständigkeit. Wir putzen jeden Abend die Zähne, wo und wie ist egal, sie werden geputzt. Mein Krabbelkind nehme ich jedesmal mit einem klaren „Nein“ von der Steckdose weg. Auch wenn sie gesichert ist. Jedesmal. Ganz bald reicht das „Nein“ um sie im Zweifelsfall daran zu erinnern. Es geht nicht darum laissez-fair zu sein, sein Kind grenzenlos aufwachsen zu lassen. Es geht darum seinem Kind mit Respekt, Empathie und Verständnis füreinander, das Leben mit all seinen Möglichkeiten und Grenzen auf Augenhöhe zu zeigen.

Noch einmal: Ich bin kein Profi, ich verliere noch viel zu oft meine Nerven und bin in dieser Hinsicht keine Vorzeigemami, aber ich glaube ich bin auf dem richtigen Weg und bin dankbar für diese Bewegung, die Quellen, die Inspirationen und die Möglichkiet es anders zu machen.

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